Ich benutze in diesem Text ein generisches Femininum und meine alle Geschlechter damit, englischsprachige Bezeichnungen bleiben im Original.
Wie kann man nur Schimmelkäse mögen?
Oder Sauerkraut?
Oder Heavy Metal?
Oder Tattoos?
Oder Piercings?
Oder grüne Haare?
Fragen dieser Art höre ich dauernd, an mich, aber auch an andere gerichtet.
“Wie kann man nur … mögen?”
Ich finde diese Frage inzwischen seltsam. Nicht, weil man sie nicht stellen dürfte. Sondern weil sie so tut, als gäbe es darauf eine allgemeingültige Antwort. Frag zehn tätowierte Leute, warum sie Tattoos mögen. Du bekommst möglicherweise zehn verschiedene Antworten. Also…
Wie kann man nun Tattoos schön finden?
Keine Ahnung!
Frag den einen Menschen mit Tattoos den du vor dir hast.
Wenn du wissen willst, warum eine Person etwas macht, frag höflich diesen Menschen.
Ich glaube nämlich, dass wir viel zu oft über Gruppen reden und viel zu selten mit den einzelnen Leuten. Da sitzt plötzlich “die Motorradfahrerin”, “die Borderlinerin”, “die Christin”, “die Linke”, “der Gamer”, “die Rentnerin”… Nein!
Vor dir sitzt ein Mensch. Das hört übrigens nie auf. Nicht bei politischen Meinungen. Nicht bei Religion. Nicht bei Diagnosen. Nicht bei Nationalitäten. Nicht bei Geschlecht. Nicht bei irgendetwas.
Jeder Mensch ist ein Mensch.
Und genau deshalb wird es jetzt unbequem. Denn dieser Satz hört auch dann nicht auf, wenn jemand etwas Schreckliches tut.
Ich lese dann oft:
“Das ist kein Mensch.”
“Das ist ein Monster.”
“Das ist kein richtiger Mann.”
Ich verstehe, warum Menschen das sagen. Sie wollen die Tat verurteilen. Das möchte ich auch. Aber ich glaube, wir tun dabei noch etwas anderes, wenn wir entmenschlichen oder aus unserer Gruppe ausschließen: Wir schützen uns selbst.
Denn wenn das ein Monster war…
…dann war es kein Mensch.
Wenn das kein richtiger Mann war…
…dann haben richtige Männer mit so etwas nichts zu tun.
Das fühlt sich angenehm an. Plötzlich ist die eigene Gruppe sauber. Und man selbst gleich mit. Ich glaube nur nicht, dass das stimmt. Es war ein Mensch. Eine Person, die Verantwortung trägt. Und genau deshalb möchte ich diesen Menschen auch Mensch nennen. Nicht, weil ich sie entschuldigen möchte. Sondern weil Verantwortung nur bei Menschen Sinn ergibt. Ein Monster kann gar nichts dafür. Ein Mensch schon. Deshalb kann ein Mensch angeklagt werden. Deshalb kann ein Mensch verurteilt werden. Deshalb kann ein Mensch gesellschaftlich geächtet werden. Weil ein Mensch verantwortlich ist.
Ich glaube sogar, dass darin eine Gefahr liegt.
Denn wenn ich zum Beispiel sage: “Wer so etwas tut, ist kein richtiger Mann.” und dann davon ausgehe das ich und/oder meine nahen Leute natürlich richtige Männer sind, dann behaupte ich: “In meiner Gruppe kann so etwas gar nicht passieren.” Das klingt beruhigend. Aber es macht mich blind. Denn die Tat ist bereits der Beweis dafür, dass ein Mensch dazu fähig war. Wenn ich sie aus meiner Vorstellung von “uns” entferne, verliere ich auch die Fähigkeit, die eigenen Abgründe zu erkennen. Nicht, weil ich glaube, dass ich so etwas morgen tun werde. Sondern weil ich aufhöre, wachsam gegenüber dem Menschen zu sein. Auch dem Menschen in mir.
Eigentlich geht es in diesem Text aber gar nicht um Täterinnen. Es geht um dich. Und um mich. Ich möchte ein guter Mensch sein. Nicht nur behaupten, einer zu sein. Ich glaube nämlich nicht, dass man einmal beschließt: “Ich bin gut.” Und dann ist das für immer erledigt. Ich glaube, Menschlichkeit ist immer ein Pfad von dem man auch abkommen kann. Zum Beispiel dann, wenn ich versucht bin zu sagen: “Die sind doch alle…” Oder: “So einer eben.” Oder: “Das ist ein Monster.” Denn genau in diesen Momenten verliere ich meiner Ansicht nach ein kleines Stück von dem, was ich eigentlich sein möchte. Nicht, weil ich plötzlich ein Verbrecher werde. Sondern weil ich beginne, Menschen aus der Menschheit herauszunehmen. Und das verändert sie ja nicht. Sondern mich.
Wow, wunderbar geschrieben.
Erinnert mich an einen sehr alten Text den ich mal auf Reddit geschrieben habe und den ich verloren habe als ich von Reddit weg bin und alle meine Posts und Kommentare editiert und gelöscht habe. Der benutzte die selben Wörter und Bilder, nur nicht ganz so eloquent wie dein Text aber (zumindest für mich) fassbarer, näher an der Realität die ich gelebt habe, weil es direkt von meinem Großvater kam.
Wenn du erlaubst poste ich die Essenz von dem hier mal dazu, weil es thematisch passt. Wenn nicht lösche ich das wieder.
Wir waren keine Monster
Mein Großvater war in der Hitlerjugend und später NSDAP-Mitglied, er ist mit 18 Jahren relativ kurz vor Kriegsende in den Krieg geschickt worden, auf den Spuren der sechsten Armee. An die Ostfront. Durch Polen hindurch, in die Ukraine und weiter nach Russland wo er in Kriegsgefangenschaft geriet und 8 Jahre in einem sibirischen Kriegsgefangenenlager verbrachte. Er kehrte als ein veränderter Mann zurück und hat bis ins hohe Alter immer davor gewarnt die Nazis als Monster zu sehen, weil das dazu führen würde, dass wir die Fehler seiner Generation wiederholen würden.
Sinngemäß lautete seine Warnung so:
Monster, Monster, ich höre immer Monster… ist einfach zu sagen die Nazis waren Monster. Monster sind nicht normal, Monster sind selten, Monster sind anders. Monster sind fremde Wesen, die Dinge tun, von denen man glaubt, dass man sie selbst nicht tun würde. Monster gibt es nicht.
Ja, was wir da im Osten getan haben, das war monströs. Aber vergiss eines nie Junge: Wir waren keine Monster, wir waren Nachbarn, Söhne, Neffen, Schleifer, Bäcker, Handwerker und Lehrer. Das sage ich nicht um uns zu entschuldigen, sondern um dich zu warnen.
Deine Generation redet sich ein, dass ihr diese monströsen Dinge niemals tun würdet, sowas würde hier niemals geschehen, ihr seid ja keine Monster und die Menschen um euch herum sind ja auch ganz normal.
Aber der Onkel Friedrich, der Karl-Heinz und ich, wir waren auch keine Monster, wir waren normale Jungs, so alt wie du jetzt bist. Und wenn wir das tun konnten, dann könnt ihr es auch, wenn es hier schon geschehen ist, dann kann es hier auch wieder passieren. Und deshalb habe ich solche Sorge, dass das vergessen wird. Dass wir nur noch uniformierte Monster in Geschichten sind und sich niemand mehr erinnert, dass wir ganz normale Leute waren. Normale Menschen die monströse Dinge getan haben.Vergiss das nicht Junge,es werden sich auch wieder ganz normale Menschen finden um die Dinge zu tun, die wir getan haben, wenn ihr nicht aufpasst was für Ideen ihr in eure Köpfe lasst.
Danke dir… Wow.
Sorry, war nicht online dann
Ich antworte da dann noch mal ausführlich drauf.
Vielen Dank, dass du diese Geschichte geteilt hast. Ich finde, da gehört durchaus Mut dazu. Ich glaube, dein Großvater hat genau den Punkt getroffen, der mir mit dem Text wichtig war.
Besonders bewegt hat mich der Teil, in dem er davon spricht, dass es eben nicht “die Monster” waren, sondern Nachbarn, Handwerker, Lehrer, eben ganz normale Menschen. Genau darin liegt für mich die eigentliche Warnung. Wenn wir glauben, nur Monster könnten solche Taten begehen, dann übersehen wir, dass sie von Menschen begangen wurden.
Die unbequeme Wahrheit ist: Diese Taten waren menschenmöglich. Nicht monstrenmöglich. Menschenmöglich. Hitler war ein Mensch. Stalin war ein Mensch. Mao war ein Mensch. Charles Manson war ein Mensch. Eine Frau, die ihr Kind tötet, ist ein Mensch. Mein eigener Großvater war bei der SS.
Dein Großvater hat das offenbar verstanden. Und genau deshalb finde ich seine Worte so wertvoll.
Jedes Mal, wenn wir einen Täter zum Monster erklären, verzichten wir auf die Chance, etwas über uns Menschen zu lernen. Und jedes Mal, wenn wir darauf verzichten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Leid wiederholt.
Sehr schöne Gedanken. Ich weis, dass es total bescheuert ist auf so was rumzuhacken und ich möchte dir in keinster weise wiedersprechen.
Ich finde es einfach unheimlich passend und funny, dass gerade bei Gamern bei dir die Entscheidung gegen “die Gamerin” gegangen ist. Natürlich gibt es viele nicht männliche Gamer und die kriegen viel zu wenig spotlight. Die Branche und die scene ist leider immer noch viel zu männlich dominiert.
Danke dir.
Ich bin bei den meisten Sachen echt schmerzfrei… “als” und “wie”, “dass” und “das”, “seid” und “seit”… aber englische Begriffe gendern ist verstümmeln dieser Sprache, die ohne gendern von Substantiven auskommt. Wenn es nach mir ginge würden wir im deutschen “der”, “die”, “das” abschaffen und es nicht dem Englischen hinzufügen.
P.S.: Bin Gamer in weiblicher Ausführung.

